Wer weiß wozu es gut ist

 

Verfasser unbekannt

Es war einmal ein kleines Indianerdorf. Am Rande dieses Dorfes lebte ein alter Mann. Er besaß nicht viel, aber genug, um zufrieden zu leben. Jeden Morgen schaute er nach seinem einzigen Pferd, um eine Weile bei ihm zu sein. Eines Morgens, als er wieder nach seinem Pferd schauen wollte, war es verschwunden.

Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und sprach sogleich:"Oh, du Armer! Dein einziges Pferd ist dir weggelaufen. Du tust mir leid, jetzt ist dein einziger wertvoller Besitz dahin. Das ist wirklich schlimm für dich!"

Der alte Indianer lächelte und sprach: "Was bedeutet das schon? Das Pferd ist weg, das stimmt, aber bedeutet das wirklich etwas Schlimmes? Warten wir es ab - wer weiß wozu es gut ist!"

Der alte Indianer ging auch am nächsten Morgen an die Koppel, dort wo sein Pferd gewesen war. Und auch am übernächsten Morgen tat er es. Plötzlich hörte er heran galoppierende Pferde. Als er aufschaute, da erblickte er sein Pferd. Es war zurückgekommen und mit ihm 12 der prächtigsten Wildpferde. Sein Pferd führte alle in die Koppel.

Der Nachbar des alten Indianers sah es als erster und rief sogleich: "Oh, du Glücklicher. Das ist ja unglaublich, wie viel Glück du hast. Dein Pferd ist zurück gekommen und nun hast du 13 Pferde. Das ist toll! Nun bist du der reichste Mann im Dorf.

Der alte Mann lächelte und sprach: "Ja, richtig, ich habe nun 13 Pferde. Aber warum bist du so aufgeregt? Wer weiß wozu es gut ist."

Der alte Indianer hatte nur einen Sohn und dieser begann bald darauf, die 12 Wildpferde zuzureiten, eines nach dem anderen. Es war eine anstrengende Arbeit, selbst für einen jungen, kräftigen Mann. Und an einem Nachmittag ereignete es sich, dass der junge Sohn, sehr erschöpft, von einem der temperamentvollen Pferde stürzte und sich das Becken brach. Der Bruch war so kompliziert, dass er nur schlecht verheilte und alsbald war klar, dass der Sohn des alten Indianers für den Rest seines Lebens ein Krüppel sein würde. Nie wieder würde er seine Beine richtig gebrauchen können.

Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und sprach sogleich: " Oh, du Armer! Dein einziger Sohn ist ein Krüppel und wird es immer bleiben. Das tut mir wirklich leid, jetzt hast du gar keine Freude mehr am Leben! Ich glaube, es lastet ein Fluch auf dir."

Der alte Mann schüttelte den Kopf und sprach: " Und wieder bist du so aufgeregt. Mein Sohn wird vielleicht nie wieder laufen können - das ist möglich. Aber warum sprichst du von einem Fluch? Warten wir doch einfach ab - wer weiß wozu es gut ist."

Es begab sich, dass das Volk des alten Indianers in immer größeren Spannungen mit dem Nachbardorf lebte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis eines der Dörfer das Kriegsbeil ausgraben würde. Alsbald herrschte große Aufregung im Dorf des alten Indianers, denn man wollte gehört haben, dass das Nachbardorf einen Überfall plante. Der Ältestenrat entschied, dem Angriff zuvor zu kommen und das Nachbardorf unverzüglich zu überfallen. Alle jungen und gesunden Krieger hatten sich sofort für den Krieg zu rüsten.

Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und erzählte dem alten Indianer voller Verzweiflung davon: "Stell dir nur vor - mein Sohn muss in den Krieg ziehen. Was hast du für ein Glück. Dein Sohn darf im Dorf bleiben, denn er ist ja ein Krüppel. Da hast du wirklich großes Glück! Zwar ist dein Sohn nicht gesund, aber er wird leben. Wer weiß, ob ich meinen Sohn jemals wieder sehe. Wie musst du dich glücklich schätzen, dass dein einziger Sohn verschont bleibt."

Der alte Indianer schüttelte den Kopf und sprach: " Und wieder bist du so aufgeregt. Hast du gar nichts aus der Vergangenheit gelernt? Schon wieder entscheidest du sofort, ob etwas gut oder schlecht ist. Was wissen wir denn schon? Warten wir doch einfach ab - wer weiß wozu es gut ist."

Die jungen Krieger überfielen das Nachbardorf und hatten leichtes Spiel, denn dort hatte man nicht mit ihrem Angriff gerechnet. Sie machten reiche Beute und kehrten siegreich und mit schwer beladenen Pferden zurück.

Der Nachbar des alten Indianers erfuhr es als erster und erzählte dem alten Indianer voller Stolz davon: "Stell dir nur vor, wie viel unsere Krieger erbeutet haben. Wir sind jetzt alle reich, nur du nicht, du armer alter Mann, denn dein Sohn war ja nicht dabei. Du hast wirklich Pech! Das muss ja furchtbar für dich sein! Wir werden unsere Zelte reichlich mit der Kriegsbeute füllen."

Der alte Indianer schaute ihn an, seufzte tief und ging wortlos in sein Zelt zurück. Aber dann wandte er sich noch einmal um, sah seinen Nachbarn eine Weile an und sprach: "Und wieder lernst du nichts aus der Vergangenheit? Schon wieder entscheidest du sofort, ob etwas gut oder schlecht ist. Was wissen wir denn schon? Wir sehen doch immer nur einen kleinen Teil vom Ganzen. Warten wir doch einfach ab - wer weiß wozu es gut ist."

Die Stammeskrieger feierten den Sieg bis tief in die Nacht und stolze Väter und stolze Mütter sorgten für das beste Essen, viel Tanz und viele Getränke. Es war kurz vor dem Morgengrauen, als sich alle müde in ihre Zelte begaben.

Im Nachbardorf hatte man unterdessen einen Gegenangriff vorbereitet und im Morgengrauen kam die Rache für die erlittene Demütigung. Die Krieger des Nachbardorfs drangen in jedes Zelt ein und wenn sie dort etwas von ihren Gegenständen fanden, wurden alle im Zelt grausam getötet. Niemand überlebte den Gegenangriff - nur der alte Indianer und sein Sohn wurden verschont.

Der alte Indianer dachte an seinen Nachbarn, lächelte wehmütig und sprach zu sich: "Siehst du, wie wenig wir doch vom Ganzen sehen. Erst viel später erkennen wir, wozu etwas gut war."

Marion Lampert-Gruber

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