Das Zeichen

 

Marina Seebode - wer schreibt der bleibt

"Nun, was kann ich für Sie tun?", fragte der Psychiater und lächelte die alte Dame, die ihm gegenüber saß, freundlich an. Sie saß ihm mit verschränkten Armen gegenüber und sagte schroff: "Ich will gar nicht hier sein!" In dem gleichen Moment, als sie die Worte ausgesprochen hatte, schien ihr der Tonfall leid zu tun und sie fuhr etwas versöhnlicher fort: "Meine Tochter hat mich genötigt, Sie aufzusuchen. Sie ist der Meinung, dass ich übergeschnappt bin." Sie tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn. "Sie glaubt, dass es allmählich bei mir aussetzt." "Tatsächlich? Und aus welchem Grund denkt sie das?", wollte er wissen. Die alte Frau schien ihm durchaus bei guter körperlicher und geistiger Gesundheit zu sein, aber die langjährige Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass der erste Eindruck häufig täuschte.

"Es ist...wohl wegen meinem Mann", sagte sie leise und ein schmerzerfüllter Ausdruck huschte über ihr Gesicht. "Er ist vor einigen Wochen verstorben. Wir waren 47 Jahre verheiratet. In der Nacht bevor er starb, nahm er meine Hand und sagte mir, dass er mir ein untrügliches Zeichen schicken würde, etwas, wodurch ich sicher sein könnte, dass ein Teil von ihm immer bei mir sein würde. Und seitdem... suche ich danach."

"Ich glaube, ich verstehe", sagte der Psychiater. "Und Sie sind überzeugt, dass Sie das Zeichen erhalten werden?", wollte er wissen. Die Frau hob entschlossen ihr Kinn. "Absolut. In den 47 Jahren, in denen wir verheiratet waren, hat mein Mann mich nur ein Mal angelogen, und das war Ende der Siebziger, als er eine überraschende Reise für mich plante."

Der Psychiater legte seine Fingerkuppen aneinander und wählte seine Worte mit Bedacht. "Sehen Sie, es ist ein ganz natürlicher Wunsch von jedem, der einen geliebten Menschen verliert, einen Beweis zu erhalten, dass der Tod nicht das Ende ist. Dass eine Verbindung auch über die Grenzen des Todes hinaus noch existiert. Aber die Suche nach diesem Beweis kann zermürbend sein und schließlich zu Frustration und Depression führen. Sicherlich möchte Ihre Tochter Sie davor bewahren."

Die alte Dame beugte sich entschlossen vor und entgegnete: "Ich habe damit gerechnet, dass Sie mir so etwas sagen würden. Dennoch bleibe ich dabei, dass ich das Zeichen, welches mein Mann mir schicken wollte, weiter suchen werde." "Und was soll das Zeichen sein?", wollte er wissen. Sie zögerte einen winzigen Moment, sagte dann jedoch beinahe trotzig: "Er wollte mir einen schwarzen Schwan schicken, der eine blaue Rose im Schnabel trägt."

Für einen sehr langen Moment konnte der Psychiater nichts weiter tun, als die Frau vor ihm anzustarren. Schließlich erhob er sich, murmelte eine Entschuldigung und verschwand im Nebenzimmer. Niemand, nicht einmal seine Familie wusste, dass er sich seit wenigen Wochen mit surrealistischer Malerei beschäftigte und in seiner wenigen freien Zeit Bilder malte.

Eines dieser Bilder, welches er heute hatte rahmen lassen wollen, um es seiner Frau zu schenken, hielt er nun stumm der alten Dame entgegen, die es mit zitternden Händen entgegen nahm. Er konnte nicht verhindern, dass auch seine Augen sich mit Tränen füllten, als er sie dabei beobachtete, wie sie sein erstes fertig gestelltes Bild betrachtete: das Bild eines schwarzen Schwans, der eine blaue Rose im Schnabel trug.

Marion Lampert-Gruber

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