Anettes Arme

 

aus: "Organisch" von Giulia Enders

In einer frechen Phase nannten meine Schwester und ich unsere Mutter eine Zeit lang "die Essenszubereiterin", weil sie häufig in der Küche stand. Morgens belegte sie Vollkornbrote, mittags und abends kochte sie oft zwei verschiedene Mahlzeiten (ohne Knoblauch: Jill, ohne Paprika: Giulia). Am Wochenende backte sie Kuchen. Der Spitzname beinhaltete etwas, das wir fühlten, aber nur in Witzen ausdrückten: In einer Welt voller Worte war unsere Mutter die Tat.

Jeden Abend las sie uns vor, holte uns von jeder Sportart oder Party ab und schmückte unsere Geburtstagstische mit selbst gemalten Schriftzügen, Kerzen und Blumen. Sie gab Ratschläge, stellte Fragen, hörte zu. Hatten wir Fieber, rieb sie Äpfel zu Brei und wickelte Waschlappen um unsere Waden, die stark nach Essig rochen. Ihre Kraft schien unerschöpflich - sie war eine Marathonläuferin des Mutterseins.

Eigentlich hätten wir uns wundern sollen, woher unsere Mutter all die Kraft nahm. Aus der Bewunderung anderer zog sie diese jedenfalls nicht. Es interessierte sie auch nicht, teure Gegenstände zu besitzen oder einen bestimmten Status zu haben. Für sie war es wichtig, dass ihre Handlungen Sinn ergaben. War dem so, gab ihr das ein gutes Gefühl. Schlief sie nach hektischen Tagen früh auf dem Sofa ein, sah ich sie gerne an. Dann war alles an ihr friedlich, sie musste einmal nichts tun und gegen nichts kämpfen.

Ob meine Mutter unnötig viel kämpfte, weiß ich nicht. Um "friedliche Harmonie" ging es in ihrem Leben jedenfalls nicht unbedingt. In der 68er-Zeit schrieb sie einen Aufsatz darüber, dass sich Frauen nicht emanzipieren würden, indem sie Männer nachahmten. Wer nur deshalb mit kurzen Haaren, Anzug oder aggressiven Formulierungen auftrat, um als Frau ernst genommen zu werden, beging ihrer Meinung nach eine Art Denkfehler. Gleiche Rechte für alle bedeutete für sie: eben auch für die, die Kleider trugen! Aus Kritik am Kapitalismus trat sie zunächst in die kommunistische Partei ein und verließ diese wieder, nachdem sie bei Reisen in die DDR und nach Kuba die Fehler des Systems erlebt hatte. Einen Job, der wie für sie gemacht war, kündigte sie lautstark, als sie korrupte Hintergrundstrukturen witterte. Regelmäßig kassierte sie für solche Aktionen die Empörung anderer, den Verlust von Beliebtheit, Freundschaften oder Karrierechancen. Es bereitete ihr zerknirschte Nächte, aber das nahm sie hin. "Mit schmerzenden Füßen kann man weiterlaufen - nicht aber mit gebrochenem Rückgrat".

Manchmal wünschte ich ihr, nicht immer so vehement zu sein. Einmal zerrte mich eine Lehrerin an den Handgelenken über den Flur, weil ich zu viel Quatsch gemacht hatte, und meine Mutter fluchte darüber so heftig, dass ich mir mehr Sorgen um die Lehrerin machte als um mich. Oder sie beendete die einzige Beziehung nach unserem Vater mit den Worten: "Dieses Stiefvaterzeug tue ich euch nicht an." - Dabei wirkte er eigentlich ganz nett. Vielleicht war es aber auch genau diese Vehemenz, die meiner Schwester und mir einen inneren Halt aus Stahlbeton gab. Fiel dann ein Satz wie: "Wenn du nicht in die Schule willst, schreibe ich dir jeden Tag eine Entschuldigung", bestand nicht der Hauch eines Zweifels, dass sie das auch tun würde...und so ging es dann irgendwie doch, am nächsten Morgen wieder dorthin zu gehen oder andere Herausforderungen zu stemmen. Mit so einer Mutter kann man Tausende Male über einen Flur geschleift werden, ohne einen Schaden davon zu tragen.

Meine Schwester und ich zogen aus. Sie blieb und pflegte unsere Oma. Erst als diese starb, brach sie ein. Ich weiß noch, wie ich ihr damals in einem Streit entgegenschleuderte: "Warum kannst du dich um alle kümmern, außer um dich selbst?" Eine Frechheit war das nicht; dafür war der Anteil an Wahrheit zu groß. Bei dem Gedanken, ihr Leben könne sich nun wieder um sie selbst drehen, schien sie so furchtbar ratlos. Fragten wir nach ihren Wünschen, wirkte es, als hätte sie nie welche gehabt. Die harte Realität war: Meine Mutter zahlte einen hohen Preis dafür, dass sie bedingungslos für andere gesorgt hatte - eine geringe Rente, verlorene Freundschaften und aufgegebene Wünsche. Von ihrer plötzlichen Hilflosigkeit waren meine Schwester und ich so kaltgeschockt - wir hätten in dieser Zeit niemals einen witzigen Spitznamen erfunden.

Was ist Kraft? Und was ist Stärke? Stimmt es, dass Männer eher als stark bezeichnet werden, wenn sie Dinge bewegen, und Frauen, wenn sie etwas aushalten? "Eine starke Frau" sagt man dann zu einer Frau, die jahrelang ihren Mann pflegt oder ein anderes schweres Leben stemmt. Ein Mann in gleicher Position wäre eher "arm dran". Möglicherweise ist das auch unfair den Männern gegenüber, die etwas aushalten. Und unfair für alle Menschen, die etwas bewegen, das man nicht so deutlich sieht wie den Karrieretitel auf einer Business-Card.

Es dauerte ein paar Jahre, bis sich meine Mutter in eine neue Lebensphase zog. Bis sie Hilfe annehmen konnte und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse wiederentdeckte. Dass sie es schaffte, erleichterte uns. Aber warum eigentlich? Unsere Mutter ist schließlich Marathonläuferin.